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Die Terrakotta-Menschen

Leib aus Terrakotta. Ein archaisches Material. In ihm verbinden sich die vier Elemente Feuer, Lehm, Wasser und Luft. Das Gleichnis des Menschen mit seinem Feuer, seiner Erdverbundenheit, seinem wellenhaften Auf und Ab und seiner Luftigkeit und Geistigkeit. Das alles ist gegeben im gebrannten Terrakotta, substantiell. Alles ist elementar da, was der Mensch zum Leben braucht. In ihm. So schaut er auch mit seinen Augen nach Innen. Was entdeckt er dort? Nicht nur sich, sondern auch seine Abkunft, seine Erdhaftigkeit, seine eigene Substantialität.

So heißt der Mensch hebräisch Adam, stammt er doch von der Adamah, dem hebräischen Wort fiir Acker und Erde; durchfließt ihn doch der Odem, eine Ableitung aus derselben Wortwurzel. Er ist kein spirituelles Lichtwesen, das einen Leib „hat", sondern er ist dieser Leib selber.

Und dennoch ist er sektoriert. Leidvoll. Die archaische Einheit ist geteilt. Und wieder vereint. Adam wird von mit Kabelbindem zusammengehalten. Eine merkwürdige Komposition.

Hier wird nicht der Archaismus gefeiert. Hier wird nicht er „edle Wilde" mit seiner „Ursprünglichkeit" und seiner „ursprünglichen Kunst" im Kontrast zur Hochmoderne angebetet. Es ist klar, dass die „edle Kunst der Wilden" eine Wirklichkeitskonstruktion des europäischen Kolonialismus bleibt und bleiben muss. Der Kontrast zwischen Archaismus und Moderne wird bewusst offen gehalten.

Und dennoch. Beides gehört zusammen. Die Frage ist nur: Wie?

Es ist klar: Da wird zusammen gehalten, was zusammen gehört. Da bilden die Kabelbinder eine Einheit, die ohne sie nicht möglich wäre. Da dienen profane technische Hilfemittel der Moderne dem ganzen Terrakotta-Menschen.

Und so ist es doch auch in der Realität. Das Synthetische dient dem immer gleichen alten Menschen. Und es schafft eine Einheit, die durch Schicksalsschläge sehr leicht zerbrochen wird. Adam ist verwundbar. Adam ist sektorierbar. Adam ist spaltbar.

Und dennoch kann er wieder geheilt werden.

Chirurgen nähen Operationswunden mit Plastikfäden zu. Orthopädietechniker formen Einlagen aus Plastik. Und wenn man die Kohlenstoffverbindung „Plastik" ein wenig weiter fasst, dann werden durch künstlich-organische Verbindungen auch Krankheiten geheilt. Synthetische Schmerzmittel erhalten die Einheit und Integrität von Schmerzpatienten, der ohne sie in einem Meer aus Schmerzen untergehen wurde. Antidepressive und antipsychotische Medikamente helfen den Kranken, die Einheit ihrer Persönlichkeit zu wahren.

So dient das Profane und Hochmoderne doch dem ganzen Terrakotta-Menschen. Das Prophane dient der Einheit des Adam, in der Einheit seiner Elemente.

Gut wenn man nicht vergisst, wem die synthetischen Produkte dienen. Gut wenn man nicht vergisst, dass sie dienen. So können sie nicht ihre Dämonie entfalten, sondern sind auf die Einheit des Menschen bezogen. Auf diese Dienstgemeinschaft des archaischem Homo Sapiens und der profanen Hochmoderne scheint mir das Werk von Hannelore Hilgert aufinerksam zu machen...

Jürgen Eilert Vikar der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, Jugenheim